Es ist schon erstaunlich, wie so 4 Tage Krankfeiern (wer hat sich eigentlich das Wort ausgedacht?) sich zusammenziehen können - keinerlei Gefühl davon, wie viel Zeit vergangen ist, ein Wimpernschlag und doch eine unendliche Strecke.
Seltsam, aber bin jetzt wieder dabei.
Give me your tired, your poor,
Your huddled masses yearning to breathe free,
The wretched refuse of your teeming shore;
Send these, the homeless, tempest-tost to me,
I lift my lamp beside the golden door!
Es sind nicht mehr die überzähligen schlesischen Bauernsöhne und -töchter des vorletzten Jahrhunderts auf der Suche nach Einkommen und ein wenig Glück, die nach Berlin kommen, um billige Tagelöhner zu werden oder auf dem Strich zu enden, und auch keine russischen Aristokraten, die vor der roten Revolution flüchten.
Heutzutage sind es vor allem Spanier und amerikanische Rich Kids, die auf ihren One-Year-in-Europe nochmal schnell alle Drogen ausprobieren, bevor sie ihr Studium zum Million-Dollar-Anwalt beginnen und mit Exaltiertheit und schlimmen Friedrichshainfrisuren vorm Barbie Deinhoffs nerven.
Nein, für mich wird Berlin immer die heruntergekommene, bucklige Verwandte sein, in deren ungepflegter Wohnung sich der willentlich oder unwillentlich nicht passende Teil der Verwandtschaft sammelt. Aus meinem Dorf haben es außer mir noch zwei Nachfahren aus den Nachbarshäusern nach Berlin geschafft, die sich vor was oder für was auch immer aus der Enge des Dorfes auf Nimmerwiedersehen nach Berlin geflüchtet haben.
Immer schon hat Berlin Platz geboten, sowohl (immer noch billigen) Raum wie auch Nischen fürs Anderssein, fürs Nicht-Funktionieren, fürs Wundenlecken, fürs Ausprobieren, wenn auch bestimmt nicht Trost. Berlin, die alte kalte Mutter mit den ungepflegten Füßen, hat eine harte Schulter, dafür aber manch blinden Fleck auf der Netzhaut.
Wenn auch der schützende Windschatten der Mauer weg ist und der Wind der wiedervereinigten BRD härter und kälter weht als früher, so bleibt Berlin doch eine Flüchtlingsstadt, so wie Amerika in seinen besten Zeiten ein Einwanderungsland war, allerdings eher ohne den amerikanischen Traum und das Heilsversprechen.
Mir jedenfalls werden immer noch die Augen feucht, wenn ich nach langer Fahrt endlich den Funkturm auf der AVUS erblicke (ich fahre grundsätzlich dort in die Stadt, auch wenn andere Wege viel günstiger wären für mich).
Dann muß ich mir nur noch irgendwie die Siegessäule dazu denken, dann habe ich sowas wie eine Berliner Freiheitsstatue - soviel muß man in Berlin halt schon immer selbst dazu tun.
Die Schwerkraft ist überbewertet
man braucht sie gar nicht
wie man wohl im Weltall sieht.
Und die Sonne kocht auch nur mit Wasser
die soll sich nicht so aufspielen
die gelbe Sau!
Gestern war ich bei PeterLicht, jaja, ich hab ihn live gesehen! Das große Geheimnis ist gelüftet: es gibt keins. Warum er sein Gesicht in dem Medien nicht zeigt: kein Marketinggag, kein Medienhype, es ist ganz einfach unwesentlich, wie er aussieht. Ein nicht sehr großer schmächtig-drahtiger Mann mit lichten (sic!) blonden Haaren und Brille, die er immer wieder die Nase hochschiebt. Hübsch auf eine angenehm unspektatuläre Weise.
Das gleiche galt für das Konzert. PeterLicht und 3 Bandkollegen, möglichst unauffällig gekleidet, auf der nackten Bühne des Maxim Gorki. Unbedarft, uninszeniert, wie ein Studentenkonzert der Nerd-AG.
PeterLicht ist auf jeden Fall der unwahrscheinlichste Performer, wie er am Anfang eher distanziert da steht und später in Fahrt kommt und sich etwas absurd zur Musik und seinem Gesang bewegt. Grad das macht es so unglaublich sympathisch, und anders ginge es bei seinen Liedern auch gar nicht.
Hauptsache wir sitzen
am Ende alle im selben Heim
denn ohne all die andern Getrennten
möchten wir nicht alleine sein!
Und ach die Lieder, irgendwo zwischen postsozialistischen Pfadfindersongs und Alltagsyhymnen. Die Stimme die in ihrem Knabentimbre einfach an das Gute glauben muß.
Das absolute Glück
Und wo du bist, da kann kein anderer sein
und würd ich wissen, wo das ist,
dann würd ich wissen, wo kein anderer ist
dann würd ich wissen wo das ist
Wunderschönes Video mit einem menschenleeren Alexanderplatz
Und ach die Texte - von spröden Parolen bis hin zur feinsten Lyrik. Über die letzte Platte Lieder von Ende des Kapitalismus hatte ich mich erst einmal furchtbar aufgeregt, aber sie ist mir über die Zeit ans Herz gewachsen. Die neue CD Melancholie und Gesellschaft - ich mußte heulen, so schön ist sie an Stellen. Keiner kann eine spröde Alltagsbeobachtung so in eine Hymne überführen wie PeterLicht, so das Herz vom Blick in die Gosse zum erhabenen erhebenden Blick in den Horizont leiten wie er.
Von Kammertrauer zum Anschluß ans Universum in drei bis fünf Akkorden. Das kann nur PeterLicht. Einer wie keiner!
Lieber PeterLicht, ein Hühnchen habe ich aber noch mit dir zu rupfen: deine beiden ersten CDs sind so dermaßen kopiergeschützt, daß ich sie nicht einmal in mein Itunes einspielen kann, und heutzutage höre ich Musik nur noch darüber.
Ich habe alle CDs und Singles handgekauft, und ich finde, es steht mir zu, die hören zu können wo ich will, und auch mal in einen Verschenkmix zu mischen. Also, wenn du wirklich anständig wärst, dann würdest du mir die Lieder der ersten beiden Platten nochmal ohne diesen Scheißkopierschutz schicken.
Und hier noch eins das unglaublich zur aktuellen Lage paßt (Video nicht von PeterLicht) Vorbei vorbei vorbei - ist ja auch lang genug gewsen
C., der immer noch so aus dem Hals riecht, aber ansonsten glücklich scheint, wenn er nicht grade in der Hauptschule, wo er ausgerechnet Kunstlehrer ist, auf dem Schulhof aufs Maul kriegt. Warst ein guter Erster!
B., mögest du glücklich werden auf deinem Biohof in Brandenburg und Frieden haben!
K.A. (Kleines Arschloch), mögest du so gründlich verschwunden bleiben, wie es deine 1,58 oder so erlauben!
J. Tot, wäre schön wenn du etwas weniger vergessen wärst, mit deiner Kunst.
F. - Alles Gute!Ich drück die Daumen!
H. Manchmal möchte ich dich schlagen, weil du immer noch so gut aussiehst mit fast 50, aber dann wünsche ich dir lieber, daß du endlich einen Grund findest, aufzuhören, vor dem wegzulaufen, was auch immer es ist.
T. Ich wünsche dir eine hübsche Feigwarzensammlung! ach das tut man nicht
D. Schade. Tut mir leid. Mehr ging nicht.
P. Schade daß wir es nicht geschafft haben. Schön daß es dich immer noch gibt. Ich hoffe, wir werden unsere jeweiligen Schäden irgendwann noch überwinden.
Die Rotphasen an Ostberliner Ampeln, besonders um den Alex, sind wahrscheinlich noch ein Relikt aus der Zeit vor '89, als es egal war, wie lange man irgendwo rumstand, wo wollte man auch schon hin?
Ich putze zwar ganz gerne, körperliche Bewegung tut mir auch gut, es füllt auch meinen ansonsten eher leeren Samstag, der Geist kann herrlich fliegen bei manueller Arbeit, und die Befriedigung hinterher ist - sehr befriedigend.
Aber: Mir fehlt die Illusion, daß sich irgendwas in dieser Welt von selbst regelt, irgendjemand sich um einen kümmert, das Cinderella-Gefühl, als ob Rättchen und Täubchen und Spätzchen mit Comic-Kulleraugen aus Spaß an der Freude klar Schiff gemacht hätten, und es deprimiert mich zutiefst, daß der gebrauchte Teller auf ewig eben da stehen bleibt, wenn ausgerechnet ich ihn nicht wegräume. Das ist mir zu - lebensnah.
Weiß jemand einen netten Menschen, der einmal die Woche bis nach Kreuzberg kommt, dem man vertrauen kann, der sich auch nicht schnell ekelt, und der einem heimlich das heimische Reich wieder auf Vordermann und/oder -frau bringt? (Comic-Kulleraugen und Tierkostüm keine Bedingung)